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LWL-Universitätsklinikum der Ruhr-Universität Bochum für
Psychosomatische Medizin & Psychotherapie
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Adipositas

Begriffe wie „Fettsucht”, „Fettleibigkeit”, „Übergewicht”, „Obesitas” und „Adipositas” werden in Deutschland synonym gebraucht und beschreiben Menschen, die „schwerer” sind als andere und über ein vermehrtes Körperfett verfügen. Neben ernsthaften medizinischen Folgeerkrankungen geht Adipositas häufig mit erheblichen seelischen Problemen insbesondere bei Frauen einher, da sie sich zunehmend einer Gesellschaft gegenübergestellt sehen, die Übergewicht und Adipositas ablehnt und als Makel ausweist. Dass damit erhebliche Schwierigkeiten des Selbstwertgefühls einhergehen, liegt auf der Hand.

  • Wie Sie Adipositas nach dem Body-Mass-Index klassifizieren,
  • wie Adipositas mit seelischen Problemen zusammenhängt,
  • wie wir Adipositas behandeln,
  • welche besonderen Behandlungsmöglichkeiten es bei Adipositas gibt,
  • und wann die Adipositas-Chirurgie angezeigt ist,

erfahren Sie im Folgenden.

Eine komplette Übersicht über die Essstörungen und die Adipositas und ihrer Behandlung geben die S3-Leitlinien der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF).

www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/051-026.html

www.adipositas-gesellschaft.de/fileadmin/PDF/Leitlinien/Adipositas-Leitlinie-2007.pdf

Body-Mass-Index

Um eine gewisse Ordnung in die vielen teilweise auch diskriminierenden Begriffe von Übergewicht und Adipositas (wie z. B. „Fettsucht”, „Fettleibigkeit”) zu bringen, wurde der Body-Mass-Index (BMI) eingeführt, der sich aus dem Quotienten von Körpergewicht und Körpergröße zum Quadrat berechnet (kg/m²). Entsprechend dem BMI erfolgt die Einteilung in Untergewicht, Normalgewicht, Übergewicht und Adipositas, wobei die Adipositas noch einmal in drei Schweregrade unterteilt werden kann.

Klassifikation    BMI (kg/m²)
Normalgewicht  18,5-24,9
Übergewicht  25,0-29,9
Adipositas Grad I 30,0-34,9
Adipositas Grad II 35,0-39,9
Adipositas Grad III > 40,0

Übergewicht und Adipositas stellen von daher eine Maßeinheit dar und sagen zunächst einmal nichts über ihre Entstehung aus. Zweifelsohne sind sie das Ergebnis einer meist langjährigen positiven Energiebilanz, d.h. dass die Kalorienaufnahme die Kalorienabgabe überwiegt. Wie genau aber die bleibende Gewichtszunahme funktioniert, damit verbunden insbesondere die Frage, warum der eine Mensch bei gleicher Nahrungsaufnahme und körperlicher Anstrengung Gewicht zunimmt, der andere nicht, ist noch ungeklärt. In den letzten Jahren wird allerdings insbesondere in Anbetracht der drastischen Zunahme übergewichtiger bzw. adipöser Menschen weltweit intensiv über diese Frage geforscht.

Adipositas und seelische Probleme

Unabhängig von der Ursache der Adipositas sind die psychosozialen Belastungen eines adipösen Menschen unverkennbar. Sie sind insbesondere auf die Diskrepanz von steigendem durchschnittlichen Körpergewicht der Bevölkerung und hohen Schlankheitsnormen in unserer Gesellschaft zurückzuführen. Schon adipöse Kinder und Jugendliche sind erheblichen gesellschaftlichen Vorurteilen ausgesetzt, was sich im Erwachsenenalter insbesondere am Arbeitsplatz fortsetzt. Psychosoziale Probleme sind überwiegend Folge der Adipositas. Eine Gewichtsreduktion ist in der Regel mit einer Besserung psychischer Symptome insbesondere von Angst und Depressivität verbunden. In die gleiche Richtung weisen Untersuchungen an extrem adipösen Menschen (BMI>40 kg/m²) mit drastischer Gewichtsreduktion nach Adipositas-Chirurgie, bei denen eine Besserung fast aller psychosozialen Parameter in der Mehrzahl auch Jahre nach der Operation zu beobachten ist.

Allerdings wird die Entstehung der Adipositas neben den Erbanlagen vornehmlich bestimmt durch den Lebensstil und dem damit verbundenen individuellen Essverhalten, welches u. a. geprägt ist durch das (Vorbild-)Verhalten der Eltern einschließlich deren Nahrungsmittelpräferenzen und Esskultur (z. B. Essen als kommunikatives Ereignis). Ebenso hat das (Vorbild-)Verhalten der Gruppe gleichaltriger Mitmenschen (peer-group) einen entscheidenden Einfluss (was wird wann, wie und wo gegessen?).

In den Lebensstil und das Essverhalten fließen aber auch seelische Probleme ein. Innerhalb der mittlerweile großen Zahl adipöser Menschen gibt es eine Gruppe von Menschen, bei denen die Nahrungsaufnahme u. a. der Spannungsabfuhr und des zumindest zeitweiligen Aufschubs unangenehmer Gefühle dient. Dass seelische (Ver-)Stimmungen sowohl niedrig- wie auch hochkalorisches Essverhalten nach sich ziehen können, ist volksmündlich durch zahlreiche Zitate dokumentiert („das Problem schlägt auf den Magen”, „die Wut in sich hineinfressen”). Diese Sprichwörter machen deutlich, dass das Essen neben der Hungersättigung offensichtlich wichtige andere Funktionen erfüllen muss, die sich zum Beispiel unter dem Begriff der (Gefühls-) Affektregulation zusammenfassen lassen. Bei diesen Menschen findet sich nicht selten eine Koppelung unangenehmer Gefühle und Nahrungsaufnahme (z.B. Eltern trösten ihre Kinder durch das Angebot von Süßigkeiten). Insbesondere bei Frauen, deren Selbstwertgefühl sehr stark vom Körpergewicht abhängig ist, verursachen Übergewicht und Adipositas im Sinne eines Teufelskreises weitere negative Gefühle z.B. der eigenen Unzulänglichkeit bis hin zu deutlichen depressiven Symptomen, die nicht selten von einem allgemeinen sozialen Rückzug begleitet werden.

Wie wir Adipositas behandeln

Die Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie hilft Menschen, deren Übergewicht durch seelische Probleme (mit-) verursacht ist. Im Vordergrund der Psychotherapie steht u. a. die Analyse auslösender und aufrechterhaltender Faktoren des unkontrollierten Essverhaltens, das durch das Führen eines Ernährungsprotokolls erleichtert wird. Ihr wesentlicher Sinn liegt darin, Zusammenhänge zwischen Essen und Emotionen zu erkennen, um u. a. im Hinblick auf die Therapieplanung eine unterschiedliche Gewichtung und zeitliche Abfolge von Therapiezielen möglichst gemeinsam mit dem Patienten definieren zu können.

Die Fokussierung auf schwerwiegende seelische Problembereiche ist dann vorrangig, wenn die Patientin oder der Patient in Anbetracht ausgeprägter seelischer Probleme auf sein bisheriges ungünstiges hochkalorisches Essverhalten im Sinne einer Regulationsfunktion angewiesen ist. Weitere Schwerpunkte in der Behandlung der „psychogenen Adipositas” sind die Schärfung der Wahrnehmung von Hungerreizen und der Sättigung, das Erlernen alternativer Umgangsweisen mit spannungsreichen psychischen Verfassungen, der Abbau des für viele adipöse und insbesondere essgestörte Patienten charakteristischen Schwarz-Weiß-Denkens („Alles oder Nichts”) und schließlich die Erkennung „falscher” Überzeugungen im Hinblick auf das Körperbild und das Selbstwertgefühl.

Besonderheiten der Behandlung von Adipositas

Eine komplette Übersicht über die Adipositas-Chirurgie geben die S3-Leitlinien der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF).

Konservative Gewichtsreduktionsmaßnahmen sind bei Menschen mit Adipositas permagna (Adipositas Grad 3, BMI > 40 kg/m²) in der Regel wenig erfolgversprechend. Die Adipositas-Chirurgie hat sich bei sinkendem Operationsrisiko im Hinblick auf eine deutliche und dauerhafte Gewichtsreduktion bei mindestens Zweidrittel der Patienten bewährt. Dennoch stellt sich bei 20 % der operierten Patienten der postoperative Gewichtsverlauf unbefriedigend dar, wobei weniger chirurgische als vielmehr psychische Gründe eine Rolle spielen. Auch in der Adipositas-Chirurgie gewinnt die Frage der Lebensqualität operierter Patienten zunehmend an Bedeutung. Der Begriff der Lebensqualität gründet sich nicht nur auf medizinische, sondern auch auf psychosoziale Aspekte, die wiederum mit seelischen Problemen oder Störungen untrennbar verbunden sind.

Wann Adipositas-Chirurgie angezeigt ist

Entsprechend den Leitlinien der Deutschen Adipositas-Gesellschaft (s.o.) ist die Indikation für eine chirurgische Adipositas-Therapie bei einem BMI > 40 kg/m², der mehr als drei Jahre besteht, möglich. Von über 30 bisher beschriebenen OP-Verfahren haben sich drei Verfahrenskategorien herauskristallisiert, die heute gewöhnlich zur Anwendung kommen: Magenband-Operation, Schlauchmagen und Magen-Bypass. Durchschnittliche Gewichtsreduktionen von 30 kg bis 60 kg in den ersten beiden Jahren nach der Operation sind die Regel. Etwa 1/6 verliert mehr als 75 % der überschüssigen Fettmasse, 2/3 mehr als 50 %.

Die Binge Eating-Störung ist bei Menschen mit Adipositas nicht selten. Schwankt die mittlere Häufigkeit in der Normalbevölkerung zwischen 2 % und 4 %, so ist sie bei adipösen Menschen mit einer Häufigkeit von 5 % bis 10 % zu finden. Im Gegensatz zur Magersucht und Bulimie leiden an dieser Essstörung fast ebenso viele Männer wie Frauen.

Die Binge Eating-Störung gilt heute nicht mehr als Kontraindikation für eine Adipositas-Chirurgie in Deutschland. Zahlreiche Studien der letzten Jahre haben gezeigt, dass die Psychotherapie die seelische Befindlichkeit adipöser Menschen mit Binge Eating-Störung entscheidend und bleibend verbessern kann. Allerdings ist sie ebenso wenig wie andere konservative Gewichtsreduktionsmaßnahmen in der Lage, das Körpergewicht dauerhaft zu senken. Von daher ist in der Regel ein zweizeitiges Vorgehen angeraten. Sollte am Anfang eine psychotherapeutische Behandlung der Patienten mit Binge Eating-Störung stehen, so ist in einem zweiten Schritt die Adipositas-Chirurgie zu planen.