Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

LWL-Universitätsklinikum der Ruhr-Universität Bochum für
Psychosomatische Medizin & Psychotherapie
Bannerbild
Krankheitsbilder Wählen Sie Ihr Krankheitsbild aus der Liste und erfahren Sie mehr über die Behandlungsmethoden.
Kontakt &
Wegfinder
Nehmen Sie Kontakt mit uns auf und vereinbaren Sie einen Termin. Kontakt Anfahrt
Forschung
& Lehre
Nam liber tempor cum soluta nobis eleifend option congue nihil imperdiet Forschung Lehre

Binge Eating

„To binge” kommt aus dem Amerikanischen und heißt übersetzt „ein Fressgelage abhalten”. Für die Bezeichnung „Binge Eating-Störung” gibt es keine offizielle deutsche Übersetzung.

Das wesentliche Kennzeichen der Binge Eating-Störung ist das wiederholte Auftreten von Heißhungerattacken bzw. „Essanfällen” ohne regelmäßig angewandte Maßnahmen, die einer Gewichtszunahme entgegenwirken sollen. Häufig leiden die Betroffenen auch an Übergewicht (BMI = 25 – 30 kg/m²) oder Adipositas (BMI > 30 kg/m²), so dass eine Behandlung auch aus medizinischen Gründen notwendig ist und es nicht selten einer psychosomatisch-internistischen Versorgung dieser Patienten bedarf.

  • Was eine Binge Eating-Störung ist und wie Sie diese erkennen,
  • welche psychischen Hintergründe die Erkrankung haben kann,
  • wie häufig und verbreitet die Binge Eating-Störung ist,
  • wie wir Binge Eating-Störungen und Adipositas behandeln,
  • welche Besonderheiten der Behandlung es bei Binge Eating-Störungen gibt,

erfahren Sie im Folgenden.

Eine komplette Übersicht über die Essstörungen und ihrer Behandlung geben die S3-Leitlinien der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF).

Was ist eine Binge Eating-Störung und wie kann man sie erkennen?

Binge Eating umschreibt ein Essverhalten, das durch häufige Kontrollverluste beim Essen (Heißhungeranfall, "Essanfall") gekennzeichnet ist. Im Unterschied zur Bulimia nervosa fehlen die einer Gewichtszunahme gegenregulatorischen Maßnahmen. Daher sind Menschen mit dieser Essstörung häufig übergewichtig oder adipös.

Von einem "Essanfall" spricht man,

  • wenn in einem abgrenzbaren Zeitraum eine Nahrungsmenge gegessen wird, die wesentlich größer ist, als die meisten Menschen in diesem Zeitraum essen würden,
  • wenn es zu einem Kontrollverlust beim Essen kommt, z. B. zu dem Gefühl, dass man einfach nicht mehr aufhören kann zu essen und auch nicht mehr steuern kann, was und wieviel davon man zu sich nimmt.

 Um von einer Binge Eating-Störung zu sprechen, müssen folgende Kriterien erfüllt sein:

  • Die "Essanfälle" treten an mindestens einem Tag pro Woche auf.
  • Es besteht deswegen ein deutliches Leiden.
  • Auf die Essanfälle folgen keine einer Gewichtszunahme direkt gegensteuernde Maßnahmen wie Erbrechen oder Abführmittelmissbrauch.

Außerdem gehören folgende Symptome zum Störungsbild:

  • wesentlich schneller essen als normal,
  • essen bis zu einem unangenehmen Völlegefühl,
  • große Nahrungsmengen essen, obwohl man nicht hungrig ist,
  • alleine essen aus Verlegenheit über die Menge, die man isst,
  • Ekelgefühle gegenüber sich selbst, Deprimiertheit oder große Schuldgefühle nach einem Essanfall.

(Diese Kriterien sind dem Diagnostischen und Statistischen Manual Psychischer Störungen, DSM-5 American Psychiatric Association (APA) 2013 entnommen)

Mögliche psychische Hintergründe

Viele adipöse Menschen berichten, dass sie mehr oder zuviel essen, wenn sie seelische Probleme haben, z. B. wenn sie Kummer haben oder einsam sind. Es gibt Studien, aus denen hervorgeht, dass Menschen mit emotionalen Schwierigkeiten manchmal nicht in der Lage sind, Hunger von anderen Zuständen des Unbehagens zu unterscheiden, oder Hunger und Sattsein nicht erkennen, nicht fühlen können.

Häufigkeit und Verbreitung

Bei epidemiologischen Aussagen muss deutlich unterschieden werden zwischen Adipositas und Binge Eating-Störung.

Eine in den Vereinigten Staaten durchgeführte Studie ergab eine Häufigkeit in der Normalbevölkerung von 2 %. Von adipösen Menschen sind schon 4 – 9 % von der Binge Eating-Störung betroffen, und in Therapiegruppen mit dem Ziel der Gewichtsreduktion waren 30 % der Teilnehmer betroffen.

Bei Frauen ist das Auftreten einer Binge Eating-Störung etwa 1,5mal wahrscheinlicher als bei Männern. Im Vergleich zu Anorexie und Bulimie ist der Anteil des männlichen Geschlechts mit Binge Eating-Störung jedoch größer, er wird auf ein Drittel geschätzt. Auch die Altersverteilung ist weiter gestreut als bei den anderen genannten Essstörungen, das heißt, Menschen aller Altersgruppen sind von der Binge Eating-Störung betroffen.

Wie kann man eine Binge Eating-Störung und Adipositas behandeln?

Auch die Behandlung der Binge Eating-Störung hat als Basis zwei Behandlungsziele:

  • Normalisierung des Essverhaltens
  • Behandlung der zugrundeliegenden psychischen Problematik


Die Dynamik der Binge Eating-Störung bringt in der Therapie spezielle Herausforderungen mit sich.

Es wird diskutiert, inwieweit sich wiederholtes und nicht selten frustrierendes Diätverhalten (wenn das Gewicht nicht gehalten werden kann und sich der sog. Jo-Jo-Effekt einstellt) auf das seelische Empfinden und die Entwicklung z. B. einer depressiven Störung oder Essstörung auswirkt.

Die sich meistens mit der Binge Eating-Störung entwickelnde Adipositas birgt auch medizinische Risiken: Es kann zu Krankheiten wie Diabetes mellitus, Fettstoffwechselstörungen und Bluthochdruck kommen, auch ein erhöhtes Sterblichkeitsrisiko ist die Folge. Die Behandlung muss also neben der häufig notwendigen Gewichtsreduktion medizinischen Fragestellungen ebenso Rechnung tragen wie psychotherapeutischen.

In der psychotherapeutischen Behandlung hat sich in der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie ein multidimensionales Therapiekonzept mit einer jeweils individuell abgestimmten Kombination verhaltenstherapeutischer und tiefenpsychologischer Konzepte bewährt.

Die Bewegungstherapie, die teilweise im Schwimmbad durchgeführt wird, ist ein unverzichtbarer Bestandteil der Behandlung. Zentral ist dabei die Motivation zu körperlicher Bewegung, da sportliche Betätigung ein geeignetes Mittel ist, um eine Gewichtsreduktion beizubehalten.

Wie bei Essstörungen im allgemeinen, ist auch für den Erfolg der Behandlung der Binge Eating-Störung die Weiterführung der Therapie in ambulanter Behandlung notwendig.

Besonderheiten der Behandlung einer Binge Eating-Störung

Während des stationären Aufenthaltes reduzierten viele Patientinnen und Patienten ihr Gewicht ohne Diät. Die Gewichtsabnahme erfolgt allein durch Ernährungsumstellung und eine Nahrungsaufnahme, die an Gefühlen von Hunger und Sättigung orientiert ist und nicht mehr im Zusammenhang mit seelischen Belastungen steht.

Die Patientinnen und Patienten mit Binge Eating-Störung werden in der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie im Rahmen eines integrativen Konzeptes behandelt, das sowohl Elemente der Verhaltenstherapie wie auch Elemente einer tiefenpsychologischen Therapie einbezieht.

Die Therapie wird in Form von Einzel- und Gruppentherapie durchgeführt, im Vordergrund stehen die Behandlung von Selbstwertproblematik, zwischenmenschlichen Problemen und die Normalisierung des Essverhaltens.

Die Behandlung kann in einer ambulanten Gruppe fortgeführt werden mit der Möglichkeit, die Umsetzung des bisher Erreichten auch im Alltag weiter zu unterstützen.